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Bewegende und mahnende Worte am Platz der Alten Synagoge
Detmold. „Wir wollen gedenken mit Liebe und mit Trauer zu den Opfern. Und mit Hoffnung, dass ein solcher Schrecken nie wieder passiert. Mit Hoffnung für die Opfer der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus. Für die Toten und aber auch für die Überlebenden. Wir werden euch niemals vergessen!“. Bewegende Worte fanden die drei Schüler des Gymnasiums Leopoldinum im Rahmen ihrer Gedanken zum 9. November, die bei der diesjährigen Gedenkfeier im Mittelpunkt standen.
Sie erzählten den dicht stehenden Teilnehmern an der Gedenkstätte am Platz der alten Synagoge ihre persönliche Geschichte des Erinnern und Gedenkens, ihre Begegnung mit einer polnischen Zeitzeugin und ihre Auseinandersetzung mit ganz aktuellen rechtsextremistischen Schmierereien in Detmold: „Gedenken ist eine Aufgabe. Aber entgegen allen Anscheins ist Gedenken nicht nur eine Aufgabe für gestern und heute, sondern auch für morgen. Denn ein Teil des Gedenkens ist das Lernen für morgen, für die Zukunft. Wir möchten verhindern, dass Hass und Verachtung erneut einen solchen Raum in unserer Gesellschaft erreichen. Lassen Sie uns heute damit anfangen, das zu verhindern. Ein Weg dafür ist das Gedenken.“
Bürgermeister Rainer Heller hatte zu Beginn der Gedenkfeier in seiner Begrüßung ebenfalls den Bogen zur Gegenwart gespannt, zum Anwachsen von rechtspopulistischen Parteien in europäischen Nachbarländern oder zur Ausgrenzung von Roma in Frankreich, aber insbesondere zu ganz konkreten Vorfällen in Detmold:„ Die Erinnerung an den 9. November 1938 fordert, sich diesen Tendenzen entgegenzustellen und die Kräfte zu stärken, die für eine offene und humane Gesellschaft eintreten, in der niemand ausgegrenzt wird.“ Sein Dank galt den Schülern und Schülerinnen des Leopoldinums, die mit großem Engagement zur inhaltlichen Gestaltung der Gedenkfeier beigetragen haben. Gemeinsam legten sie einen Kranz nieder und entzündeten sechs Kerzen für die Detmolder Opfer des Nationalsozialismus. Mit dem Gebetsgesang „Kaddisch“ endete die Gedenkveranstaltung.

Gedenkfeier am 9. November 2010
Guten Abend, meine Damen und Herren,
ich begrüße Sie zu unserer heutigen Gedenkfeier am Platz der Alten Synagoge an der Exterstraße in Detmold. Besonders begrüßen möchte ich die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Leopoldinum, die sich in diesem Jahr bereit erklärt haben, mit ihren Beiträgen zur Gestaltung unserer Gedenkfeier beizutragen.
An diesem Tag muss der Blick zurückgehen. Immer wieder müssen wir uns daran erinnern, was an jenem Datum vor nunmehr 72 Jahren geschah. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gehört zu den dunkelsten Momenten der deutschen Geschichte. Anlass war das Attentat eines verzweifelten polnischen Juden auf einen Angehörigen der deutschen Botschaft in Paris. Die nationalsozialistische Führung hatte auf diesen Anlass aber geradezu gewartet, um einen reichsweiten Pogrom gegen jüdische Deutsche und ihre Einrichtungen anzuzetteln. Das Symbol jüdischen Lebens war überall die Synagoge, und so wurde sie gezielt überall angegriffen. In Detmold war es der prächtige Bau in der Lortzingstraße, bei dessen Einweihung zu Pfingsten 1907 das friedliche und von gegenseitiger Hilfe geprägte Zusammenleben der Konfessionen von allen Seiten beschworen worden war.
In Detmold ist das Geschehen später juristisch aufgearbeitet worden, so dass wir sehr genau über den Ablauf informiert sind. Unter der Regie des Kreisleiters der NSDAP Wedderwille zerstörten Mitglieder der Partei, der SA und der SS Ladengeschäfte jüdischer Inhaber in der Langen Straße und in der Bruchstraße, vor einer großen Zuschauermenge wurde die Synagoge aufgebrochen und angezündet, die Familie des Synagogendieners und Buchbinders Flatow wurde herausgezerrt, beleidigt und angegriffen. Die jüdischen Männer wurden anschließend in das KZ Buchenwald verbracht. Um es nach unseren Rechtsvorstellungen zu benennen – die damals genau so galten wie heute: Landfriedensbruch, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Körperverletzung, Verschleppung mit im Einzelfall tödlichen Folgen.
Alles das richtete sich gegen einen Teil der Bevölkerung, der seit Jahrhunderten hier ansässig war und sich durch nichts von anderen Teilen der Gesellschaft unterschied. Wie weit sich die Detmolder Juden als Teil dieser Gesellschaft fühlten, können Sie wenige Schritte von hier an der hebräischen Inschrift im Haus 8 in der Exterstraße sehen: Am Anfang der Inschrift ist der Stern der Grafschaft Sternberg-Schwalenberg platziert, am Ende die lippische Rose.
Angefangen hat alles mit einer rassistischen Ideologie, die Ausgrenzung vorsah – alle weiteren Schritte bis hin zu Deportation und Mord waren Schritt für Schritt konsequente Folgen. Wir sagen heute gerne, dass man den Anfängen wehren müsse. Aber wo sind die Anfänge, und wo kann man sich ihnen entgegenstellen? Wir sehen in Europa mit großer Sorge das starke Anwachsen rechtspopulistischer Parteien in den Niederlanden und in Belgien. Wir sehen mit Sorge die alle Menschenrechte missachtende Behandlung von Roma in Frankreich, die in ein Land abgeschoben werden, das sie nicht will und in dem sie nicht als Bürger akzeptiert werden. Und gehört es nicht auch zu den Anfängen, derer man wehren muss, wenn ein Mann, der zur politischen und gesellschaftlichen Elite der Bundesrepublik gehört, ein spezifisch jüdisches Gen erfindet und das öffentlich als Tatsache präsentiert?
Meine Damen und Herren,
Man muss konstatieren, dass es in Deutschland und in der westlichen europäischen EU offensichtlich wieder salonfähig wird, Menschengruppen, die in diesen Gesellschaften leben, unwandelbare, genetisch oder rassisch bedingte Merkmale zuzuschreiben – wobei es keine Rolle spielt, ob es sich um positive oder negative Merkmale handelt - und ihre Ausgrenzung zu fordern. Die Erinnerung an den 9. November 1938 fordert, sich diesen Tendenzen entgegenzustellen und die Kräfte zu stärken, die für eine offene und humane Gesellschaft eintreten, in der niemand ausgegrenzt wird.
Was können wir tun? Wir dürfen jetzt nicht in Panik verfallen und Gefahren an die Wand malen, die noch nicht wirklich bedrohlich sind. Der Grundkonsens einer freiheitlichen und friedensbereiten Bundesrepublik ist nicht gefährdet. Aber man muss jeden Tag bereit sein, die Gefahren zu erkennen und ihnen etwas entgegenzusetzen. In gewisser Hinsicht stehen wir immer wieder vor einem Scheideweg und müssen immer wieder die richtige Entscheidung fällen und sie durchsetzen.
Seit 1988 ist es eine gute Tradition geworden, dass sich Detmold am 9. November der dunklen Seite der Geschichte erinnert und diese Erfahrung in die Gegenwart einzubringen versucht. Gemeinsam mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Lippe, der Evangelischen und der Katholischen Jugend, dem DGB und den Schülerinnen und Schülen des Gymnasiums Leopoldinum wurden auch die heutigen beiden Gedenkfeiern in der Lortzingstraße und hier an der Exterstraße vorbereitet. Die Namen von Detmolder Opfern werden verlesen – sie sind im Gedenkbuch verzeichnet und stehen auf der Namenstafel an dieser Gedenkstätte. Wir sind nicht nur allgemein zur Erinnerung aufgerufen, sondern wir sind auch sehr direkt diesen konkreten Menschen verpflichtet.
Das Stadtarchiv hat kürzlich zusammen mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit einen Film gezeigt, den die amerikanische Regisseurin Cyd Chartier-Cohn über Fred Sondermann gedreht hat. Fred Sondermann ist in Horn geboren, war Schüler im Detmolder Leopoldinum und besuchte die Detmolder Synagoge. 1939 war er mit seinen Eltern in die USA emigriert, hatte dort studiert und lehrte später Politikwissenschaft am Colorado Collage in Colorado Springs. 1969, also recht früh, hatte er seine Heimatstadt wieder besucht und kurz danach darüber geschrieben. Die abschließenden Gedanken dieses Mannes, der emigrieren konnte und deshalb überlebt hat, möchte ich zitieren. Sie haben ihre Aktualität nicht verloren:
„Man kann nicht vergessen, was geschehen ist. Es ist zu viel geschehen, um diesen leichten Ausweg zu nehmen. Und man kann auch nicht vergeben. Die Untaten sind so unglaublich, dass die Frage nach einem Vergeben unmöglich, aber auch irrelevant ist. Aber man kann einen anderen Standpunkt einnehmen, der Vergessen und Vergeben nicht mehr als zentrales Problem sieht, wie es bei den Opfern noch notwendig war …“
Sondermann fährt fort:
“Wir sollten versuchen, in die Zukunft zu schauen. Ich weiß, dass es in Deutschland extremistische Elemente gibt, die mich beunruhigen – wie es sie auch bei uns in den USA gibt, wo sie mich noch mehr beunruhigen. Aber ich fühle auch, dass die traumatischen Erfahrungen, die die Deutschen hinter sich haben, eine größere Chance als je zuvor bieten, um eine Gesellschaft zu schaffen, die von Anstand, Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Sensibilität geprägt ist. Es liegt in unserem eigenen Interesse und wäre ein Akt von Gerechtigkeit und Milde, jene Teile der deutschen Gesellschaft zu unterstützen, die eine solche Zukunft anstreben.“
Vielen Dank!

Rede zur Gedenkveranstaltung am 9. November 2010
von Jan-Philipp Brenneker, Malte Leimbach und Jan Schmelter / Schüler des Gymnasiums Leopoldinum
Wir möchten Ihnen eine Geschichte erzählen. Stellen Sie sich vor, Sie sind Schüler. Sie schlendern in der Pause über den Schulhof. Dann sehen Sie, dass es an der Schule Vandalismus gegeben hat. An das Gebäude sind rechtsextremistische Parolen gesprüht. Sie sind schockiert und empört. Sie können es nicht nachvollziehen, was ausgerechnet Ihre Schule mit rassistischen Parolen zu tun haben soll. So ging es auch drei Jugendlichen. Diese entdecken am 20. April, dem Tag, an dem immer noch Leute meinen, Hitlers Geburtstag feiern zu müssen, Schmierereien an ihrer Schule. Die Schmierereien müssen in der Nacht dorthin gesprüht worden sein. Was soll das? Rechtsextremismus an ihrer Schule? Und niemand tut etwas dagegen? Ihre Schule soll doch ein geschützter Raum sein. Die drei nehmen sich vor zu handeln. Sie überlegen, wie sie reagieren sollen. Soll man die Schmierereien stehen lassen oder wegwischen? Sie hängen gut sichtbar ein Transparent auf. „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ steht darauf. Diesen Titel hat die Schule schon seit einiger Zeit.
Keine drei Wochen später in der Detmolder Innenstadt. Fast tausend Schülerinnen und Schüler stehen auf dem Marktplatz. Es ist ein wolkenverhangener Tag. Einige frieren. Vor der Kirche ist eine große Bühne aufgebaut. Eine Band spielt. Dann spricht der Bürgermeister zu ihnen. Die drei Jungen stehen hinter der Bühne. Es beginnt ein wenig zu nieseln. Regenschirme werden hervorgeholt. Kaum einer geht weg. Jetzt sind sie an der Reihe. Sie steigen auf die Bühne. Hunderte Gesichter auf sie gerichtet. Viele Unbekannte sind darunter, aber auch einige Freunde. Es sind ganz unterschiedliche Gesichter. Ein Junge ist dabei, der hat eine sehr dunkle Hautfarbe. Er jubelt als die Band spielt, reißt seine Arme in die Luft. Zwei Mädchen haben eine Fahne von ihrem Herkunftsland mitgebracht. Sie sind nicht die Einzigen, die so ihre Wahrnehmung kundtun wollen. Viele haben Plakate dabei. Ein Junge hält eines mit der Aufschrift „Schule mit Toleranz hoch. All diese Jugendlichen sind äußerlich völlig unterschiedlich, viele stehen für ganz verschiedene Kulturen. In dem einen Punkt, für den sie jetzt auf dem Marktplatz stehen, sind sie sich aber alle einig. Es ist ein Sternmarsch. Viele Schüler sind von unterschiedlichen Orten aus losgegangen. Alle treffen sich jetzt auf dem Marktplatz mit ihrem gemeinsamen Ziel. Sie alle stellen ein buntes Mosaik dar. Und jede und jeder Einzelne sticht dennoch heraus. Alle sind friedlich und verhalten sich respektvoll gegenüber den Anderen. Schließlich wollen sie alle für Toleranz eintreten. Alle wollen in diesem Punkt zusammengehören, so verschieden sie auch sind.
Für die drei Jugendlichen sind diese Erlebnisse unvergesslich. Doch es ist erst ein Anfang, ein anstrengender, aber nur ein kleiner Impuls, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Nicht vergessen wollen sie, immer wieder erinnern. Weil sie die Alltäglichkeit von Verachtung nun gesehen haben. Und so übernehmen sie die Verantwortung für ein Zeitzeugenprojekt, das in der Schülervertretung geplant wird. Frau Kowalczuk heißt die Zeitzeugin. Sie kommt aus Polen. Als Jugendliche war sie in einem Jugendkonzentrationslager inhaftiert. Sie hat grausames erlebt. Nun soll sie an ihre Schule kommen. Ein wenig nervös warten die drei vor der Ankunftshalle des Paderborner Flughafens auf ihre Ankunft. Es ist ein Stück Ungewissheit für sie. Wie wird sich die Zeitzeugin verhalten? Wird sie mit dem Programm, das die drei für sie vorbereitet haben, zufrieden sein? Doch es passiert genau das Gegenteil von ihren Befürchtungen. Auf dem Weg vom Flughafen nach Detmold zum Hotel beginnt Frau Kowalczuk von ganz alleine zu erzählen: über Krakau, die Stadt, in der sie lebt, über ihre Familie und auch über die Zeit im Jugendkonzentrationslager. Am nächsten Tag zeigen die drei ihr und ihrer Dolmetscherin die Stadt. In der folgenden Woche sind die beiden in der Schule. Frau Kowalczuk erzählt von dem, was ihr in dem Konzentrationslager angetan wurde.
Wenn ein Kind einen Fehler gemacht hatte, wurde es im Winter auf den Hof gestellt und mit eiskaltem Wasser aus der Wasserpumpe übergossen. Viele starben daran. Aber Frau Kowalczuk hat überlebt. Und jetzt sitzt sie da und erzählt ihnen von diesen grausamen Ereignissen. Sie hat immer versucht, etwas mehr zu bekommen, sie hat immer um ihr Leben gekämpft. Wenn es die tägliche Ration Brot gab, stellte sie sich ganz hinten in der Reihe an, um die letzte Scheibe vom Laib Brot zu bekommen. Diese war immer etwas dicker als die Anderen. Manchmal reichte das Brot aber nicht, bis sie an der Reihe war. Dann bekam sie die erste Scheibe vom nächsten Laib. Die war dann immer etwas dünner als die Übrigen.Frau Kowalczuk hat Grausames erlitten, ähnlich wie die Juden, die in Detmold verfolgt wurden, oder die Menschen, die den Nazis anderweitig nicht in ihr menschenverachtendes System passten. Sie wurde gefoltert, nicht nur körperlich durch Schwerstarbeit und Strafen. Sondern man hat vor Allem versucht, ihnen, den Kindern, die Achtung voreinander zu nehmen. Man hat sie bewusst gegeneinander aufgehetzt.
Wenn ein Kind ein Anderes verraten hatte, bekam es dafür eine halbe Scheibe mehr Brot. Diese halbe Scheibe Brot hat so viele Kinder dazu gebracht, ihre „Freunde“ zu verraten. Auch wenn das Kind, das verraten worden war, drei Tage lang gar kein Brot bekam. Für viele bedeutete das den Tod, wenn es ihnen nicht gelang, anderswo Essen zu stehlen. Man hat den Kindern keine andere Wahl gelassen. Man hat sie so ausgehungert und ihnen so viel Hass und Gleichgültigkeit entgegengebracht, dass sie nur noch daran dachten, ihr eigenes Leben durch jeden Krümel Brot irgendwie zu halten. Man hat versucht, die Kinder zu lieblosen, selbst hassenden Lebewesen zu machen. Wenn die Kinder nicht starben, dann sind sie seelisch zugrunde gerichtet worden.
Frau Kowalczuk hat den Holocaust überlebt. Sie musste all das Leid am eigenen Leib erfahren. Sie weiß, wie es ist, wenn jemand versucht, einen zu vernichten. Es war am schlimmsten für sie, dass die Kinder so gegeneinander aufgehetzt wurden. Aber Frau Kowalczuk hat überlebt und sie ist, was wohl das größte Wunder ist, wirklich Mensch geblieben. Sie hat gekämpft. Heimlich hat sie sich immer wieder etwas zu essen beschafft, wenn sie wieder einmal entsetzlichen Hunger hatte. Sie hat Jüngeren geholfen, wenn sie konnte. Sie hat sich nicht unterkriegen lassen. Sie ist eine ganz besondere Persönlichkeit. Sie versprüht eine Lebensfreude, die man sich bei dem, was sie erleiden musste, kaum vorstellen kann. Sie verzweifelt nicht an ihrem Schicksal, sondern packt es an und versucht weiterzugeben, was sie in ihrem Leben gelernt hat. Umso mehr schmerzt es sie, wenn vergessen wird, was ihr angetan wurde, wenn ihr Leid nicht ernst genommen wird, oder Andere es nicht wahrhaben wollen, dass ihr so Schreckliches widerfahren ist. Die drei hören direkt von Frau Kowalczuk, wie es ihr gegangen ist. Sie erzählt es, als ob es gestern erst geschehen ist. Es ist grausam, diese ganzen Einzelheiten zu hören. Aber sie können Frau Kowalczuk sehen, sie sitzt da vor ihren Augen, angestrengt vom vielen erzählen, angestrengt, all das noch einmal durchleben zu müssen. Dennoch erzählt sie weiter. Sie will nicht, dass man das vergisst, sie will so vielen wie möglich weitersagen, was man ihr angetan hat, aber auch, was sie in ihrem Leben gelernt hat. Sie möchte erinnern. Weil sie es denjenigen, die im Lager geblieben sind, denjenigen, die im Lager umgekommen sind, schuldig ist. Deshalb berichtet sie. Das empfindet sie als ihre Pflicht. Sie ist eine ganz besondere Persönlichkeit. Das ist den drei Jugendlichen jetzt klar.
Sicherlich haben sie es schon gemerkt. Das ist unsere Geschichte, die Geschichte von Jan-Philipp, Malte und mir,Jan. Doch das ist eigentlich unwichtig. Diese Geschichte ist ein Beispiel. Dass wir sie erlebt haben, spielt da kaum eine Rolle. Ich glaube, jeder sammelt eigene Erfahrung, Erlebnisse, Begegnungen, Geschichten, über die er zum Gedenken kommt. Heute sehen wir es mit als unsere Aufgabe an, das, was wir mit Frau Kowalczuk erlebt und von ihr gelernt haben, weiterzuerzählen. Aber können wir überhaupt so erinnern, dass es der Opfern würdig ist? Wie können wir es schaffen, den Opfern ein Gesicht und Raum in unserem Leben zu geben? Wie können wir als Jugendliche gedenken? Diese Fragen sehen zunächst ein wenig hoffnungslos aus. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir gedenken können, wenn wir es möchten. Eigentlich haben wir es gut. Denn wir haben den grausamen Terror des Nationalsozialismus nicht miterleben müssen. Doch dadurch können wir auch nicht ganz erfassen, was im Nationalsozialsozialismus geschehen ist.Und dennoch haben wir die Möglichkeit zu gedenken. Ein großes Glück, das wir haben, ist, dass wir noch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen treffen können. Wir sind wahrscheinlich die letzte Generation, die dazu Gelegenheit bekommt. Eine Begegnung dieser Art verändert, glaube ich. Dass wir Frau Kowalczuk kennen gelernt haben, hat unsere Sicht auf die Geschehnisse zur Zeit des Dritten Reiches völlig verändert. Vor allen Dingen dadurch, dass sie für uns ein Gesicht ist. Ein Gesicht, hinter dem eine ganz besondere Persönlichkeit, ein einzigartiger Mensch mit seiner Vergangenheit und seinen Erfahrungen steht. Es ist ein besonderes Gefühl mit jemandem Zeit zu verbringen, der solche Erfahrungen machen musste.
Als wir die uns das erste Mal trafen, um uns Überlegungen zu unserer Rede anlässlich des 9. Novembers zu machen, stellten wir uns die Frage, warum wir überhaupt gedenken wollten. Für uns persönlich sind hierbei die Erfahrungen, die wir mit Frau Kowalczuk gesammelt haben, besonders wichtig. Wir haben schon einmal gesagt, dass wir es als unsere Aufgabe ansehen, das weiterzuerzählen, was wir mit ihr erlebt haben. Ich glaube, dass solche Erfahrungen, wie wir sie mit Frau Kowalczuk hatten, besonders wichtig sind. Ich denke, man hat so die Möglichkeit, ein Stück von dem, was sich damals abgespielt hat, zu erfassen. Auch wenn dieser Teil nur ein sehr kleiner Teil ist. Um wirklich erinnern zu wollen, haben wir also diese Begegnung gebraucht. Ich denke, vielen von Ihnen geht es ähnlich.
Als wir tiefer gingen und darüber nachdachten, was uns wirklich zum Gedenken bewegt, wurde uns klar, was uns die Opfer des Nationalsozialismus eigentlich bedeuten, was uns gerade auch die Opfer aus Detmold bedeuten.
Diese Menschen, die von den Nazis auf grausame Weise ausgeschlossen, gekränkt, körperlich und geistig verletzt und ermordet wurden, sollen einen Platz in unserem Leben bekommen. Für uns bedeutet ihr Tod einen Verlust. Die 169 Menschen aus Detmold, die der Gewaltherrschaft zum Opfer fielen, waren ein Teil der Gesellschaft. Sie haben die Stadt, unsere Stadt, mitgeprägt. Und das tun sie immer noch. Auch heute, mehr als 65 Jahre danach. Denn sie haben die Geschichte, die Gesellschaft, die Kunst, die Kultur und damit das Leben von uns mitgestaltet. Besonders deutlich wurde uns das, als wir mit Herrn Ruppert, unserem Stadtarchivar, einen Rundgang durch Detmold machten. Von ihm erfuhren wir Geschichten der Opfer. So gedenken wir der 162 Menschen, deren Namen auf den Gedenktafeln hier stehen. 169 Opfer aus Detmold sind bis jetzt bekannt. Immer wieder stößt man auf Weitere, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Auf weitere Menschen, Geschichten, Leben, die vernichtet wurden. Wie viele Opfer sind noch nicht bekannt? Wie viele sind schon vergessen? Es schmerzt, zu wissen, dass ihnen die Chance genommen wurde, uns weiter zu prägen. Ihr Tod ist ein Verlust. Es macht uns traurig. Wir sind wütend und betroffen zugleich. Ihr Fehlen spüren wir. Dadurch, dass sie eben nicht mehr bei uns sind, fehlen sie uns besonders. Durch ihr „nicht da sein“. Das, was Philosophen „Anwesenheit durch Abwesenheit“ nennen. Ich glaube, genau darin liegt eine Chance und Aufgabe, ein Sinn des Erinnerns. Den Opfern trotz, oder gerade wegen ihres Fehlens einen Platz in unserem Leben zu geben. Ihrer zu gedenken und dabei ihr Prägen unseres Lebens nicht zu vergessen, sondern uns dessen bewusst zu machen.
Eines unserer Anliegen ist, dass wir nicht möchten, dass solche Taten wie im Holocaust in unserer heutigen Gesellschaft geschehen können. Wir möchten nicht, dass eine solche Grausamkeit je wieder passieren kann.Elie Wiesel, KZ-Überlebender, Friedensnobelpreisträger und Schriftsteller – hat gesagt: „Die Vergangenheit mit all dem Grauen, das sie enthält, kann ein Schutzschild für die Menschheit werden.“
Doch wie schaffen wir es, dass die Geschichte uns vor einer Wiederholung der Ereignisse bewahrt, sie womöglich unmöglich macht?
Eigentlich hat Elie Wiesel gesagt: „Wenn wir aus der Gleichgültigkeit ausbrechen, kann die Vergangenheit mit all dem Grauen, das sie enthält, ein Schutzschild für die Menschheit werden.“
Nur, wie bekämpfen wir die Gleichgültigkeit, die er beschreibt? Und was bedeutet das überhaupt? Ich glaube, gleichgültig ist zum Beispiel, wenn jemand an dieser Gedenkstätte vorbeigeht und ihr oder ihm egal ist, ob die Säulen, die hier stehen, solche aus der neuen Synagoge in Detmold darstellen, oder ob es nur irgendwelche Säulen sind.
Wir haben Ihnen noch einen Teil vorenthalten. Das ganze Zitat lautet:
„Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung, das Gegenteil von Erinnerung und Gedächtnis nicht Vergessen, es ist wiederum Gleichgültigkeit. Nur Erinnerung kann gegen sie ankämpfen. Wenn wir aus dieser Gleichgültigkeit ausbrechen, kann die Vergangenheit mit all dem Grauen, das sie enthält, ein Schutzschild für die Menschheit werden.“
Wir sind heute Abend hierher gekommen, um zu erinnern, um nicht zu vergessen, um zu gedenken. Wir möchten erinnern und gedenken mit Liebe und mit Hoffnung. Denn Liebe und Hoffnung sind die Energie des Erinnerns.
Wir wollen gedenken mit Liebe und mit Trauer zu den Opfern. Und mit Hoffnung, dass ein solcher Schrecken nie wieder passiert. Mit Hoffnung für die Opfer der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus. Für die Toten und aber auch für die Überlebenden. Wir werden euch niemals vergessen.
Gedenken ist eine Aufgabe. Aber entgegen allen Anscheins ist Gedenken nicht nur eine Aufgabe fürgestern und heute, sondern auch für morgen. Denn ein Teil des Gedenkens ist das Lernen für morgen, für die Zukunft. Wir möchten verhindern, dass Hass und Verachtung erneut einen solchen Raum in unserer Gesellschaft erreichen. Lassen Sie uns heute damit anfangen, das zu verhindern. Ein Weg dafür ist das Gedenken. Lassen Sie uns gemeinsam derer gedenken, die im Holocaust ihr Leben ließen.Allein können wir nicht viel ausrichten. Nicht vergessen sondern immer wieder erinnern ist eine Aufgabe für uns alle. Es ist die Aufgabe von uns allen, die Opfer immer wieder beim Namen zu nennen, immer wieder ihre Geschichte zu erzählen. Was man dabei erleben kann, dafür kann die Geschichte, die wir Ihnen erzählt haben, ein Beispiel sein. Man lernt ganz besondere Menschen kennen, wenn man sich mit diesem Thema beschäftigt. Wir glauben, dass man dabei nicht nur etwas über die Gesellschaft lernen kann, sondern für sich ganz persönlich.