Schnellnavigation

Bitte wählen Sie einen Inhaltsbereich:

Inhaltsbereich | Hauptnavigation | Hilfe | Schnellsuche |

Hilfe


Sie können unsere Hauptrubriken über folgende Tastenkürzel erreichen:

Folgende Zusatzfunktionen stehen Ihnen zur Verfügung:

Hauptnavigation

Inhalte

Individuelles Gedenken als Tür zum Handeln

Beeindruckende Gedenkfeier zum 9. November 1938

Konzert im Rathaus

Detmold. “Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ Das Zitat von Primo Levi zog sich wie ein roter Faden durch die beeindruckenden „Gedanken zum Gedenken“ von Lisa Brüning, Maximilian Illers und Gabriel Theis, Schüler und Schülerin des Grabbe-Gymnasiums, die im Mittelpunkt der gut besuchten Gedenkfeier zum 9. November 1938 am Platz der Alten Synagoge an der Exterstraße in Detmold standen.

Bürgermeister Rainer Heller hatte in seiner Ansprache zur Begrüßung darauf hingewiesen, dass es wohl kaum einen Tag in unserer Historie gibt, der geschichtsträchtiger ist als der 9. November. Viermal im Lauf des 20. Jahrhunderts markierte er einen Wendepunkt, wurde er zum Schauplatz erschütternder oder bewegender Geschehnisse: die Ausrufung der Republik 1918, ein Putschversuch der Nazis 1923, das Novemberpogrom 1938, den Fall der Mauer 1989: „Es ist ein Tag der Freude und ein Tag der Scham, ein Tag des Aufbruchs und der Abgründe. All diese Ereignisse haben unsere Geschichte geprägt und sie wirken fort bis heute, bis ins 21. Jahrhundert hinein. Der 9. November ist deshalb zum Tag des Erinnerns und des Nachdenkens geworden.“

„Packing my suitcase! Ich packe meinen Koffer!“ Das deutsch-israelische Schülerprojekt des Grabbe-Gymnasiums war der Ausgangspunkt des Berichts von Lisa, Maximilian und Gabriel. Sie spannten auf nachdenkliche Art den Bogen von ihrer persönlichen Erlebnisse hin zur Notwendigkeit des heutigen Erinnerns, Gedenkens und individuellen Handelns, um Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus entgegenzutreten. Bürgermeister Heller rief nicht nur die Anwesenden auf, sich zu engagieren für eine solidarische Stadtgesellschaft, für Frieden und Demokratie in Deutschland. Die städtischen Auszubildenden Jana Frenzel und Christoph Block verlasen Namen von Detmolder Holocaust-Opfern bevor Ariav Buchris aus Israel das jüdische Gebet „Kaddisch“ abschließend verlas.

Lieder – und Rezitationsabend im Rathaus am Markt

„Sieh, wie wir nach Leben beben“

Es ist in den letzten Jahren zur Tradition geworden die Detmolder Gedenkfeierlichkeiten zum November - Pogrom im Rathaus am Markt mit einer Veranstaltung abzuschließen. „Sieh wir nach Leben beben“ war der Lieder – und Rezitationsabend mit Werken jüdischer Komponisten und Dichter überschrieben, der sich in diesem Jahr an die Gedenkfeier an der Alten Synagoge anschloss und von der Stadt in Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit organisiert worden war.

Christiane Schmidt (Gesang) begleitet von Almut Eckels am Klavier gelang es sofort die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer im großen Sitzungssaal mit Liedern von Pavel Haas und Hans Krasa in Ihren Bann zu ziehen. Heiner Eckels las ausgewählte und beeindruckende Gedichte von Mascha Kalecko und Selma Meerbaum-Eisinger, die nur 18 Jahre alt wurde und 1942 an Flecktyphus in einem Arbeitslager in der Ukraine starb. Ihr schmales Werk von 57 Gedichten gehört neben den Gedichten Rose Ausländers und Paul Celans, mit dem sie einen gemeinsamen Urgroßvater hatte, zum großen literarischen Vermächtnis http://gedichte.xbib.de/_Erbe_gedicht.htm der ausgelöschten deutsch-jüdischen Kultur der Bukowina.

Musikalischer Höhepunkt und Abschluss des rund einstündigen Konzertes war ein Liederzyklus nach jiddischer Lyrik von Karl-Heinz Pick, der 80 jährig in diesem Jahr verstarb. „Unser Frühling“ vertonte Texte aus dem Warschauer Ghetto, die, verstärkt durch das abschließende Gedicht „Todesfuge“ von Paul Celan, für langes Schweigen im Publikum sorgte. Der langanhaltende Beifall galt dann den drei Künstlern, die das ansprechende Programm so beeindruckend präsentiert hatten.

Rede von Bürgermeister Rainer Heller

Meine Damen und Herren,

in Detmold gibt es viele engagierte Menschen, die das Erinnern und Gedenken bewahren und leben. Menschen, die sich in den unterschiedlichsten Gruppierungen und Parteien, in Schulen und Vereinen engagieren. Ich freue mich besonders, dass es immer wieder gelingt junge Menschen für das Thema zu interessieren und ihnen zu verdeutlichen, wie wichtig es ist für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte ein zu stehen. Lassen Sie uns zusammen weiter eintreten für eine solidarische und soziale Stadtgesellschaft, für ein buntes, friedliches und liebenswertes Detmold.

Guten Abend meine Damen und Herren,

ich begrüße Sie zu unserer heutigen Gedenkfeier am Platz der Alten Synagoge an der Exterstraße in Detmold. Mein besonderer Gruß gilt heute Abend 5 jungen Menschen: Lisa Brüning, Maximilian Illers und Gabriel Theis sind Schülerinnen und Schüler des Grabbe-Gymnasiums. Jana Frenzel und Christop Brock sind zwei Auszubildende der Stadtverwaltung. Sie haben sich bereit erklärt, mit ihren Beiträgen die Gedenkveranstaltung zu gestalten. Dafür schon mal vorab herzlichen Dank!

 Liebe Anwesende,

Es gibt wohl kaum einen Tag in unserer Historie, der geschichtsträchtiger ist als der 9. November. Viermal im Lauf des 20. Jahrhunderts markierte er einen Wendepunkt, wurde er zum Schauplatz erschütternder oder bewegender Geschehnisse: die Ausrufung der Republik 1918, ein Putschversuch der Nazis 1923, das Novemberpogrom 1938, den Fall der Mauer 1989. Es ist ein Tag der Freude und ein Tag der Scham, ein Tag des Aufbruchs und der Abgründe. Und um historisch genau zu sein: eigentlich sind es sechs geschichtsträchtige Ereignisse im 19. und 20. Jahrhundert! Am 9. November 1848 wird der linksliberale Abgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung  Robert Blum in Wien standrechtlich erschossen. Sein Tod steht für das vergebliche Bemühen um eine demokratische Verfassung.

Am 9. November 1939 lässt der Schreiner Georg Elser eine Bombe im Münchner Hofbräuhaus detonieren. Sie galt Hitler und seinem Gefolge, der allerdings nicht mehr im Lokal weilte. Eine mutige Tat, die lange vergessen wurde in der Geschichtsschreibung.

All diese Ereignisse haben unsere Geschichte geprägt und sie wirken fort bis heute, bis ins 21. Jahrhundert hinein. Der 9. November ist deshalb zum Tag des Erinnerns und des Nachdenkens geworden.

Die Revolution von 1918 brachte Demokratie – jedoch ohne Republikaner. Der Marsch auf die Münchner Feldherrenhalle 1923 war ein Signal für die Gefährdung der  jungen Weimarer Republik. Der antisemitische Wahn und die Menschenverachtung der Nazis aber zeigte sich in aller Deutlichkeit bei der sogenannten „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938.

Überall in Deutschland brannten die Synagogen, überall wurden jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört und ausgeplündert. Tausende jüdischer Deutscher wurden misshandelt, in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Auch hier in .Detmold  war die Pogromnacht für die jüdische Bevölkerung ein einziger Alptraum. Familien, die seit Jahrhunderten hier ansässig waren, Menschen, die sich nie etwas zuschulden kommen ließen, Bürgerinnen und Bürger, die im politischen und kulturellen Leben unserer Stadt eine Rolle gespielt hatten, wurden, allein weil sie Juden waren, brutal verfolgt und an Leib und Leben bedroht. Auch Detmolder Geschäfte wurden geplündert  und zerstört. Die Neue jüdische Synagoge brannte bis auf die Grundmauern nieder.

Das Novemberpogrom war der erste Schritt auf dem Weg zum Holocaust. Die Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung hatte bereits 1933, unmittelbar nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten, begonnen. Während die ersten antijüdischen Gesetze und Verordnungen vor allem darauf gerichtet waren, die Juden aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen und ihnen ihre Staatsbürgerrechte zu nehmen, wurden sie mit dem Pogrom ganz existenziell an Leib und Leben bedroht. Die brennenden Synagogen sollten letztlich zu den Gaskammern und Verbrennungsöfen von Auschwitz führen. Wenn wir heute des 9. November 1938 gedenken, dann müssen wir an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte erinnern, an einen Zivilisationsbruch, den viele nicht für vorstellbar gehalten hatten. Mit Trauer, mit Entsetzen, mit Scham blicken wir auf das, was Menschen, die seit Jahrhunderten in Deutschland lebten, angetan wurde, nur weil sie Juden waren. Fassungslos stehen wir vor der Erkenntnis, wozu Menschen fähig sind. Auch in Detmold!

Seit 1988 erinnern wir uns an diesem weichenstellenden Datum an die Detmolder NS-Opfer. Auch in diesem Jahr werden wieder die Namen von Detmolderinnen und Detmoldern verlesen, die hier auf der Gedenktafel stehen und die nicht vergessen werden dürfen. An dieses Geschehen muss immer wieder erinnert werden. Sich solchem Gedenken zu stellen ist anstrengend und schmerzhaft. Aber es ist notwendig. Das Erinnern und Gedenken ist, war und wird auch in Zukunft eine nationale Aufgabe sein. Wir sind es den Opfern und ihren Angehörigen schuldig. Wir tragen hier vor Ort die Verantwortung, wie mit früherer Schuld umgegangen wird. Und dazu gehört auch die öffentliche Erinnerung an diese früheren Greueltaten in Detmold.

Wehret den Anfängen – es ist schon so oft gesagt worden und kann offenbar nicht oft genug betont werden. Heute ist diese Verpflichtung umso dringlicher, als auch in der Gegenwart des Jahres 2009 Antisemitismus und rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten in Deutschland  anzutreffen sind. Sie gehören zwar nicht zum Alltag hier in Detmold, aber das heißt nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen dürfen. Der Weimarer Republik war es nicht gelungen, eine stabile Demokratie zu entwickeln; demokratisches Gedankengut war noch zu wenig verankert. Wir wissen heute, dass zu einer Demokratie nicht nur eine demokratische Verfassung gehört, sondern dass sie Demokratinnen und Demokraten braucht, Menschen, die von ihren Werten überzeugt sind und für sie eintreten.

Die Erinnerung an den 9. November 1938 zeigt uns, wohin Rassenwahn führen kann. Die Erinnerung an einen anderen 9. November, den des Jahres 1989, zeigt uns, wie wichtig den Menschen Freiheit und Selbstbestimmung sein können. Der  9. November 1989 ist für uns alle die Verpflichtung zu Demokratie und Freiheit. Der verstorbene Bundespräsident Johannes Rau sagte in einer Gedenkrede zum  9. November 1938 folgendes:

„Wir versprechen uns heute: Wir stehen und wir arbeiten gemeinsam für ein friedliches Deutschland. Wir arbeiten für ein Deutschland, in dem niemand Angst haben muss, ganz gleich, wie er aussieht, ganz gleich, wo er herkommt, ganz gleich, was er glaubt, ganz gleich, wie stark oder wie schwach er ist. Arbeiten wir für ein Deutschland, in dem wir alle zusammen gerne, frei und sicher leben können. Arbeiten wir für ein Deutschland, in dem wir ohne Angst verschieden sein können. Und das wir deshalb auch lieben können.“

Vielen Dank!

Gedanken zum Gedenken

“Packing my Suitcase - Ich packe meinen Koffer”

Gabriel:

Eindrücke, die mich prägen, Erlebnisse die ich nie vergesse.

Was tragen Sie in Ihrem Koffer mit sich herum?

Was befindet sich in meinem Koffer?

Ich bin Gabriel, Schüler des Grabbe-Gymnasiums, und genau diese Frage habe ich mir gemeinsam mit 45 Schülern aus Detmold und Maccabim-Re’ut gestellt.  Ich habe mich auf die Suche gemacht: Habe in Familiendokumenten gestöbert, gespannt meinen Großeltern gelauscht und dabei vieles über meine Familie und damit auch über mich erfahren. Was ich herausgefunden habe, habe ich mit den anderen geteilt und sie ihre Geschichten mit mir. Für mich war es schmerzlich, von so großem Unrecht und so viel Leid zu hören. Doch es war gerade diese Erfahrung, die uns, Deutsche und Israelis, näher zusammenrücken und zu einer Gruppe werden ließ. Dieser Austausch von Gedanken, Gefühlen und Geschichten bildete die Grundlage für unser Projekt „Packing my Suitcase – Ich packe meinen Koffer“. Gemeinsam gestalteten wir Koffer, in denen wir das Trennende, aber auch das Verbindende darstellten – in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Unsere Koffer wurden zu einer Ausstellung, die wir eröffneten, nachdem die Shoa-Überlebende Erna de Vries uns ihre Lebensgeschichte erzählt hatte. Wir laden Sie ein, sich unsere Koffergeschichten persönlich anzuschauen, die ab dem 27. Januar im Rathaus zu sehen und zu begreifen sein werden. Unser Austausch wird im Frühjahr fortgesetzt, wenn wir nach Israel fliegen werden, um unsere Freunde zu besuchen. Und dort werden wir uns gemeinsam erinnern an die vielen tiefgehenden Erlebnisse in diesem Herbst.

Lisa:

„It happened, therefore it can happen again: this is the core of what we have to say.“

“Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ (Primo Levi)

Dieses Zitat Primo Levis scheint mir sehr wahr und treffend. Ob wir mehr zu sagen haben oder weniger, ich weiß es nicht … und trotzdem stehe ich, Lisa Brüning, hier, trotzdem stehen wir hier, trotzdem sagen wir alle etwas, trauern mit und um Menschen, die wir kennen und die wir nicht kennen, die uns näher stehen und die wir vielleicht niemals trafen. Es geht um Menschen, es geht um uns. Es ist schwierig auf alles eine Antwort geben zu wollen, aber es gehört wohl zu der Wissbegier unserer Gesellschaft. Wissbegier ist gut, aber bei manchen Themen endet sie. Themen, die unweigerlich tiefer gehen, als das bloße Hantieren mit Fakten.

Im Geschichtsunterricht lernen wir, dass das nationalsozialistische Regime unter Adolf Hitler im Zweiten Weltkrieg einen Völkermord an mindestens 5,6 bis 6,3 Millionen Menschen beging, an Menschen, die dieses Regime als Juden und somit als zur Ermordung vorgesehen definierte. Wir sprechen über Zahlen. Über unbegreifbare Zahlen und Randdaten, über Grausamkeiten, über Juden und über Nationalsozialisten, über ein Verbrechen, dass ca. 60 Jahre entfernt von unserer Gegenwart passierte, selten jedoch sprechen wir über Menschen. Wenn man von Zahlen einer solchen Größe spricht, wird jeder einzelne Mensch nichtig und unbedeutsam. Es geht um die Juden. Um ca. 6 Mio Juden.

Dass es eben nicht um ca. 6 Mio Juden, sondern um die fatale Reihe einzelner Schicksale geht, begriff ich während meiner Zeit in diesem Austausch an dem Mahnmal „Gleis 17“ in Berlin, welches wir mit unserer Gruppe besuchten. Den Ort, von dem aus die Juden Berlins in die Vernichtungslager deportiert wurden. Das Gefühl, dass ich bei der Zeremonie, welche unsere israelischen Austauschpartner an diesem Gleis feierten, empfand, kann ich nicht in Worte fassen. Wieder so etwas, auf das ich keine Antwort geben kann. Aber an diesem Ort habe ich so viel gelernt, wie in nur wenigen anderen Momenten in meinem Leben. Dort mit dieser Gruppe zu sein, mit diesen Menschen, sie dort weinen und trauern zu sehen, um Menschen, die sie selbst nicht kennen und sich trotzdem undenkbar tief mit ihnen verbunden fühlen, mitzuweinen, mitzutrauern … das war überwältigend, fast unwirklich.  Das Weinen war ein anderes, ein unbekanntes, ein ehrlicheres, tieferes. Die großen Zahlen, von denen man sich selbst manchmal unbewusst reden hört, habe ich verkleinert, zumindest ein wenig besser nachvollziehen können, obwohl auch ich sie zuvor nicht verstanden habe. Ich bin lange an dem Gleis entlang gelaufen und habe an seinen Seiten Fakten gelesen; Fakten wie „18.10.1941. 1251 Juden. Berlin-Auschwitz.“ „5.11.1941. 50 Juden. Berlin-Theresienstadt“ ... immer mehr dieser Fakten … immer größere und kleinere Zahlen, Zahlen von Menschen, vorzustellen wie Schulklassen, ganze Schulen, ein gefüllter Hörsaal in der Uni. Unbegreifbare Massen von Menschen, die Tag für Tag zu Unrecht zu Tode verurteilt waren.

Ich habe die Zahlen und Daten so lange gelesen, bis ich glaubte, sie ansatzweise verstehen zu können, sie ansatzweise für mich greifbar machen zu können. Die in eine unscheinbare Betontafel eingravierte Schrift auf dem Mahnmal, welches sich auf dem Weg zu dem Gleis befindet, wäre mir zuvor vielleicht nicht einmal aufgefallen und brannte sich jedoch an diesem Abend ein, wie selten etwas zuvor.

Maxi:

„Zur Mahnung an uns, jeder Mißachtung des Lebens und der Würde des Menschens mutig und ohne Zögern entgegenzutreten.“ Dies ist der Satz, von dem Lisa sprach, der am Mahnmal am Gleis 17 eingraviert ist.

Wie tritt man nun dieser Missachtung entgegen, die uns heute nur in Zahlen und in anonymen Bildern erreicht?

Wie schafft man es abzurücken von dem immer gleichen, gebetsmühlenartigen Herunterbeten der scheußlichsten Grausamkeit, ohne dabei ihre wichtigste Botschaft zu verletzten? Ich bin Maximilian, und für mich ist das individuelle Gedenken der Schlüssel für die Tür, die mir allzu lang verschlossen war.

Die Tür, auf der in großen Lettern steht „Begreife das Unfassbare“, die mir den Weg zu einem Gedenken leitet, dass mir würdig und akzeptabel erscheint und mich nicht länger mit schlechtem Gewissen und banger Angst vor Gedenktafeln und Monumenten stehen lässt, zu denen ich keinen Bezug herstellen kann. Jeder, der hier steht, möchte seinen größtmöglichsten Respekt zollen, aber ich bin mir sicher, und da schließe ich mich mit ein, dass nur wenige wissen wie.

Vielleicht stehen Sie wie ich vor wenigen Wochen an dieser Stelle, in ihrem Kopf spielt sich ein wirres, absurdes, grausames Stück ab, vor ihren Augen schwirren Zahlen umher, Namen, Fakten. Sie möchten schreien, bleiben aber stumm, weil sie den Kanal für diese Mischung aus Trauer, Wut und Unverständnis nicht kennen. Vielleicht sehen Sie auch nichts. Ein Vakuum, in das kein klarer Gedanke einzudringen vermag. Ich glaube, wenn etwas direkt erfahrbar wird, so fällt es leichter, eine Verbindung herzustellen. Darum habe ich versucht meinen „Gedanken zum Gedenken“ auf diesen Blättern für uns alle gemeinsam erfahrbar zu machen, wem allgemeines Gedenken schwierig fällt, wer nach einer persönlichen Verbindung zu den Opfern sucht, oder wer einfach neugierig ist, fühlt sich bitte eingeladen, ein Blatt aus dem Korb zu nehmen. Ein Blatt, ein Name. Keine Zahl, sondern ein Mensch mit Gefühlen, Eigenarten, Zielen, Träumen. Eine zerstörte Hoffnung. Widmen Sie ihr Gedenken heute doch dieser Person. Es könnte ein Weg sein, angemessen, respektvoll und persönlich das Erbe der Opfer in Ehren zu halten. Und wenn nicht, so ist für heute zumindest einmal an jedes bekannte Detmolder Opfer gedacht. Frei nach dem Motto: „Wir gedenken, also sind sie!“

Lisa:

Es geht nicht um Schuld oder Unschuld, auch nicht darum, irgendetwas verstehen zu müssen, was damals passierte oder nicht passierte, in der Arroganz der Spätgeborenen andere dafür verantwortlich zu machen, warum sie nichts getan, nichts verhindert haben, zugesehen haben. Das ist schwer, gerade weil wir es nicht begreifen können. Auch ich kann es nicht begreifen. Auch ich werde nie verstehen, wie Menschen zusehen, mitmachen konnten und trotzdem ist alles, was mir bleibt, die Möglichkeit, meinen kleinen Teil dafür zu tun, dass so etwas niemals wieder geschehen kann. Darum geht es meiner Meinung nach. Denn Menschen sind wir immer noch. Und damals waren es auch Menschen, die sich von menschenverachtenden Plänen haben begeistern lassen, weil es andere auch taten. Es ist geschehen. Und diese Narbe in der Geschichte wird da bleiben. Kann nicht überschüttet werden, soll nicht überschüttet werden. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern.

Aber mindestens genauso wichtig ist es, im Jetzt, in unserer Gegenwart, in jeder Situation, die wir beobachten, sei es im Bus, im Beruf, unter Kollegen, in der Schule oder bei uns selbst, in jeder Situation, in der uns Missachtung der Würde des Menschen bewusst wird, den Mut zu sammeln, dem entgegenzutreten. Hierfür sollte jeder eine individuelle Form finden. Es gibt kein richtig oder falsch. Sei es mit einer Gedenkveranstaltung wie dieser, sei es mit einer Geschichte, die wir einem anderen Menschen erzählen, einem Blick, den wir jemandem zuwerfen, sei es mit einem einfachen Einsatz für jemanden, dem Unrecht getan wird - ganz egal in welcher Größe, in welcher Form. Hauptsache wir begreifen es als etwas, das immer da ist, das uns jedoch nicht daran hindern soll, mit Freude weiterzuleben.

Wir sollten und müssen unsere Chance nutzen, in den Bereichen, in denen wir dessen mächtig sind, jeder Form von Menschenverachtung ohne Zögern entgegentreten, uns einsetzen, Mut zeigen, den Mund aufmachen, auch wenn andere schweigen oder etwas anderes sagen, all dies, um uns eine Gegenwart zu gestalten, in der wir als Menschen zusammenleben können, in der solch ein Verbrechen nicht noch einmal geschehen kann, um eine Zukunft für uns und unsere Kinder zu schaffen, die keinen Platz für Antisemitismus, Rechtsextremismus oder jede andere Form von Fremdenfeindlichkeit findet. Diese Aufgabe können wir nicht abgeben, hierfür brauchen wir jeden von uns.

Gabriel:

Es ist schwer, mit unserer Geschichte umzugehen. Und trotzdem ist es unerlässlich.

Nur wenn wir es schaffen zu gedenken, können wir das, was Lisa angemahnt hat, in Gegenwart und Zukunft in die Tat umsetzen. Durch den Austausch habe ich einen anderen Bezug zu meinen Vorfahren genauso wie zu den jüdischen Opfern bekommen Durch das gemeinsame Erleben der Trauer zusammen mit meinen Freunden aus Israel habe ich ein besseres Verständnis, soweit dies überhaupt möglich ist, für das damals Geschehene gewonnen. Dessen zu gedenken, ist ein Teil meines Lebens geworden. 

Maxi:

“Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ Natürlich hat Primo Levi Recht. Wir alle würden aber nicht hier stehen, wenn wir nicht aufs Schärfste versuchen würden es zu verhindern.

Wenn uns das Gedenken nicht so bedeutsam wäre, dass wir ihm viel Raum und Zeit in unserem Leben einräumen trotz aller Termine, Verpflichtungen und Deadlines der heutigen Gesellschaft. Jeder, der hier zuhört, trägt eine Botschaft mit sich in seinem ganz persönlichen Koffer. Vielleicht klingt ihre Botschaft so: „Mir ist es wichtig jener zu gedenken, die in größtmöglichem Unrecht immer noch Menschen geblieben sind.“

Wenn wir gemeinsam diese Botschaft hinaustragen, andere daran teilhaben lassen und mit Freude und Leidenschaft dafür einstehen, so werden sich vielleicht auch diejenigen zum Gedenken einladen lassen, die noch keinen Bezug dazu finden konnten. Lassen Sie den Namen, den sie heute bekommen haben, Teil Ihres Koffers werden, tragen Sie ihn eine Weile bei sich, damit er nicht in Vergessenheit gerät.