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Inhaltsbereich | Hauptnavigation | Hilfe | Schnellsuche |Gedenkfeier am Platz der Alten Synagoge
Detmold. Mit einer Gedenkfeier an der Gedenkstätte Alte Synagoge an der Exterstraße erinnerte die Stadt Detmold an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938. Auch in Detmold brannten Geschäfte und wurden jüdische Existenzen zerstört, die Neue Synagoge wurde dem Erdboden gleichgemacht. Die Gedenkfeier mit einer Kranzniederlegung durch Bürgermeister Rainer Heller wurde inhaltlich gestaltet von zwei Abiturientinnen der Geschwister-Scholl-Gesamtschule. Sylvia Bühner und Lena Spieker hatten rund 200 Jugendliche zum 9. November 1938 befragt und ihre Eindrücke und Erfahrungen in ihrer Gedenkansprache wiedergegeben: „Jugendlich wollen erinnern. Sie können aber nicht, weil sie das Ereignis nicht kennen“ Julia Pede und Vanessa Kohl, Auszubildende der Stadtverwaltung verlasen die Namen von jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Die Gedenkstunde endete mit dem jüdischen Gebetsgesang „Jedit Nefesch“. Bereits am Mittag wurde mit einer Kranzniederlegung durch die Lippische Landeskirche und die Katholische Jugend am Gedenkstein in der Lortzingsstraße – dem Standort der zerstörten Neuen Synagoge- der Opfer der Reichspogromnacht gedacht.
„Die Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938 ist ein wichtiges Zeichen wider das Vergessen und die Gleichgültigkeit, ist Erinnerung an die Opfer, an zerstörtes Leben und für immer vernichtete Kulturgüter“ erklärt Detmolds Bürgermeister Rainer Heller anlässlich der diesjährigen Gedenkfeier. „Doch Gedenken ist keine Momentaufgabe. Gedenken muss lebendig sein. Wir stehen hier heute Abend, um an diese Greueltaten und ihre Opfer zu erinnern. Wir wollen nicht schweigen und vergessen, sondern die Verantwortung übernehmen wie wir mit der Geschichte umgehen und unsere Zukunft gestalten.“
Gedenkansprache von Bürgermeister Rainer Heller
Guten Abend meine Damen und Herren,
Detmold gedenkt der Opfer der Reichspogromnacht! Ich begrüße Sie zu unserer heutigen Gedenkfeier am Platz der Alten Synagoge an der Exterstraße in Detmold. Besonders begrüßen möchte ich heute Abend Sylvia Bühner und Lena Spieker, zwei junge Menschen, die im Sommer an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule ihr Abitur gemacht haben und uns gleich ihre Gedanken zum 9. November mitteilen werden. Mein besonderer Gruß gilt auch Vanessa Kohl und Julia Pede, zwei Auszubildende der Stadtverwaltung, die sich bereit erklärt haben uns Namen von Detmolder Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu verlesen. Dafür schon mal vorab herzlichen Dank!
Der 9. November ist ein historisches Datum in der deutschen Geschichte! Fragen Sie heute auf der Straße junge Leute nach diesem Datum, werden Sie aber eher den Mauerfall benennen können, als den 9. November 1938. Doch die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gehört zu den dunkelsten Nächten der deutschen Geschichte. Vor 70 Jahren brannten auch in Detmold jüdische Häuser und Geschäfte. Jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger wurden ihre Existenz beraubt, wurden misshandelt, in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Die Nacht vom 9. November auf den 10. November 1938 ist der Anlass, warum Sie - warum wir uns alle hier heute versammelt haben.
Auch hier in Detmold brannte die Synagoge in der Lortzingstraße bis auf die Grundmauern nieder - die Neue Synagoge, die im Mai 1907 eingeweiht worden war und deren Bau eigentlich den Endpunkt einer emanzipatorischen Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Detmold darstellte. Die Identifizierung der Detmolder Juden mit ihrem Land und ihrer Stadt und die Anerkennung als gleichberechtigter Bürger durch das Fürstenpaar, den Bürgermeister, die gesellschaftliche Elite, die christlichen Konfessionen hatte sich 1907 deutlich manifestiert. Nur 31 Jahre später gab es keinen Widerstand bei diesen Aktionen gegen die Deutschen jüdischen Glaubens. Der Pogrom führte in Detmold nicht zu größerer Unruhe in der Bevölkerung, nicht zu offener Kritik. Der Historiker Jürgen Hartmann überschrieb seinen Artikel zu den Detmolder Novemberpogromen mit dem Zitat: „Die durchgeführte Aktion hat hier wahre Befriedigung hervorgerufen“.
Wir stehen hier heute Abend, um an diese Greueltaten und ihre Opfer zu erinnern. Wir wollen nicht schweigen und vergessen, sondern die Verantwortung übernehmen wie wir mit der Geschichte umgehen und unsere Zukunft gestalten. Vor genau 20 Jahren am 3. November 1988 wurde an dieser Stelle - dem Platz der alten Synagoge- die Detmolder Gedenkstätte für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft eingeweiht. Der Rat der Stadt Detmold wollte diese Verantwortung zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte übernehmen und beauftragte den Künstler Winfried Hogrebe mit der angemessenen Gestaltung des Passagengrundstückes an der Exterstraße. Auf vier Eckpunkten eines Sandsteinsockels sind vier Pfeiler aus dem gleichen Material gestellt. In den Fuß der Pfeiler sind die vier erhaltenen Säulen vom Portal der Neuen Synagoge integriert, die den verheerenden Brand am 9.November 1938 unbeschadet überstanden haben.
Meine Damen und Herren,
Diese vier Säulen sind in der letzten Woche gegen Repliken ausgetauscht worden. Der eine oder andere hat dies sicherlich trotz Dunkelheit bereits bemerkt. Wir haben uns in der Verwaltung diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Immer wieder kamen die Hinweise aus der Bevölkerung auf Beschädigungen an den Säulen. Wir wissen nicht genau, ob es mutwillige Beschädigungen mit rechtsextremen Hintergrund waren oder einfach nur Gewalt. Wir wissen aber, dass auch der Zahn der Zeit an den Säulen Spuren hinterlässt. Wir haben uns in Absprache mit dem Künstler Winfried Hogrebe so entschlossen die Säulen auszutauschen und sie in die Obhut des Lippischen Landesmuseums zu übergeben. Dort werden sie im Neubau einen angemessenen Platz finden.
„Dinge, die bleiben sollen, müssen sich ändern“ – Bleiben soll die Erinnerung und das Gedenken an den 9. November 1938 und bleiben sollen diese vier Säulen als Erinnerung an das jüdische Leben in Detmold. Ich hoffe und wünsche mir, dass Sie - die Anwesenden- und alle Detmolder Bürgerinnen und Bürger diese Entscheidung nachvollziehen und mittragen. Wir sind alle gefragt und aufgefordert für unsere Demokratie, unsere Werte, für Toleranz und Frieden und gegen rechtsextremistisches Gedankengut und Gewalt einzutreten. Wir haben nicht die Zeit uns zurückzulehnen sondern wir müssen aufklären und informieren – wir müssen handeln, wir müssen Farbe bekennen! Ich weiß, die Detmolderinnen und Detmolder tun das! Sie tun das in verschiedenen Projekten und an verschiedenen Orten. Sie tun das alle mit demselben Ziel: Kein Platz für Neonazis in Detmold! Für Demokratie und ein friedliches Miteinander!
„Man muss entschlossen sein, das, was man im Herzen und im Geiste trägt, auch zu verwirklichen!“ so Felix Fechenbach
Vielen Dank!