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Der folgende Bericht wurde mit freundlicher Genehmigung der Lippischen Landeszeitung übernommen - veröffentlicht am 29. Januar 2007
Fotos: Stadt Detmold
Schrecken der NS-Diktatur niemals vergessen
Würdevolle Gedenkfeier in August-Hermann-Francke-Schule
Detmold (da). Die Frage nach Schuld, Vergebung und Versöhnung stand im Mittelpunkt der zentralen städtischen Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus. Ausrichter am 62. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz war die August-Hermann-Francke-Schule, deren Literaturkurs der Jahrgangsstufe 12 eine Theatercollage über Jugendliche im Ghetto Theresienstadt erarbeitet hatte.
„Lass Dich nicht brechen . . .“ – ein Zitat von Hanus Hachenburg, dem Herausgeber der zwischen 1942 und 1944 im Ghetto erschienenen Jugendzeitschrift „Vedem“ („Wir führen“) – lautete der Titel dieser ebenso beeindruckenden wie beklemmenden Aufführung, die unter Leitung von Lehrer Ulrich Niebuhr einstudiert worden war. Gedichte Hachenburgs, einfühlsam rezitiert von Patrick de Fehr, bildeten den Rahmen für eine Handlung, die teils in Theresienstadt, teils in der Gegenwart spielte – so in einem Klassenzimmer oder bei einer Ausstellung, wo sich ein Besucher als Täter zu erkennen gibt.
Und immer wieder ging es um das „Warum?“, um den Mangel an Bekenntnis der eigenen Schuld und zur anhaltend großen Verantwortung, die den Deutschen aus der Geschichte erwächst. Letzteres stellte auch Schulleiter Andreas Herm in den Vordergrund, als er in seiner Begrüßungsansprache darauf hinwies, dass die Beschäftigung mit dem Thema NS-Zeit und ihren Verbrechen um so wichtiger ist, je weiter wir uns zeitlich von ihr entfernen. Gerade weil immer mehr Augenzeugen stürben und die nachgeborenen Generationen diese Zeit mehr und mehr nur aus Büchern oder Filmen kennten, drohten die Schrecken einer solchen Diktatur nach und nach in Vergessenheit zu geraten.
Leben ohne Hass und WillkürHerm ist davon überzeugt, dass gerade die christlichen Werte, zu denen die August-Hermann-Francke-Schule-Schule bekanntlich erziehen wolle, viele Anknüpfungspunkte böten, um sich mit diesem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte zu beschäftigen und Jugendliche dafür zu interessieren. „Dass Menschen schuldig werden, Vergebung brauchen und dass Gott diese Vergebung dem gewährt, der ehrlich bereut und an ihn glaubt, ist eine zentrale Botschaft, die Schüler aus christlich geprägten Familien kennen“, sagte er wörtlich. Dieses Thema allein vor dem Migrationshintergrund erörtern zu wollen, indem an die Ausgrenzungsproblematik angeknüpft wird, hält der Schulleiter zumindest für seinen Bereich für unzureichend – unter anderem, weil Russlanddeutsche, die im übrigen die Nazi-Zeit aus der Perspektive der Opfer einer kommunistischen Diktatur erlebt hätten, sich in der heutigen Gesellschaft im allgemeinen nicht ausgegrenzt fühlten. Bürgermeister Rainer Heller, der ebenso wie sein Vorgänger Friedrich Brakemeier an der Veranstaltung teilnahm, wandte sich entschieden gegen immer wieder artikulierte Versuche, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Ziel müsse es sein, für alle Menschen Bedingungen zu schaffen, die ihnen ein Leben in Frieden und Freiheit ohne Hass, Terror und Willkür ermöglichten. Die Schülerinnen und Schüler der August-Hermann-Francke-Schule haben sich in den vergangenen sechs Monaten auf vielfältige Weise mit der Judenverfolgung auseinandergesetzt. Dabei ging es unter anderem um die Frage, wie man rechtsradikalen Lügen entgegentritt oder welche Mechanismen dazu beitragen, dass faschistische Strukturen überhaupt erst entstehen können.
Grußwort Bürgermeister Rainer Heller
Zentrale Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus
27. Januar 2007 in der August-Hermann-Francke-Gesamtschule
„Es ist hier eine andere Welt, wenn ihr wollt, so ist es die Hölle, aber Dantes Hölle ist ungeheuerlich lächerlich im Vergleich zur Wirklichkeit von hier, und wir sind die Augenzeugen, die nicht überleben dürfen!“
Zitat aus einem Brief von Chaim Hermann im November 1944 aus dem KZ Auschwitz
Sehr geehrter Herr Herm, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler!
Ich begrüße sie alle zu der zentralen Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus heute am 27. Januar hier in der August-Hermann-Francke Gesamtschule in Detmold.
„Auschwitz“ ist das Symbol des Terrors und der Unmenschlichkeit. „Auschwitz“ steht als Synonym für millionenfachen Mord, für eine bis ins letzte durchdachte Vernichtungsmaschinerie. "Auschwitz", die ungeheuerliche Dimension und Perversion des Völkermordes an sechs Millionen Juden. Aber auch Millionen von Nichtjuden aus der Sowjetunion, aus Polen und vielen anderen europäischen Ländern, Sinti und Roma, Homosexuelle, behinderte und kranke Menschen, Mitglieder von Glaubensgemeinschaften, politisch Andersdenkende wurden in die Konzentrationslager des deutschen Naziregimes verschleppt, ausgebeutet, misshandelt und systematisch ermordet. Unter den Opfern gab es auch 30 Menschen aus Detmold. Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind oder die zugewandert sind und von hier aus deportiert wurden. Persönliche Tragödien verbergen sich hinter jedem einzelnen Namen. Mit dem Namen „Ausschwitz“ ist Entsetzen, Trauer und Scham für immer verbunden.
Heute vor 62 Jahren wurde das Konzentrations – und Vernichtungslager Auschwitz von den sowjetischen Truppen befreit. Bundespräsident Roman Herzog erklärte im Januar 1996 den 27. Januar zum „Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus“. Sein Wunsch war es, eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. In unsere Zukunft und in die Zukunft unserer Kinder.
Doch und diese Frage wird insbesondere und gerade von Jugendlichen immer wieder gestellt: Müssen wir uns immer noch erinnern? Müssen wir immer noch gedenken? Meine Antwort lautet: „Ja wir müssen!“ Ich nenne Ihnen jetzt einige Zahlen:
· 6,1% für die DVU - Deutsche Volksunion
· 9,2% für die NPD – Die Nationalen
· 7,3% für die NPD – Die Nationalen
Das sind die Ergebnisse der jüngsten Landtagswahlen in Brandenburg, in Sachsen und in Mecklenburg-Vorpommern. Es ist beschämend, dass Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Antisemitismus immer noch und immer wieder einen Nährboden in Deutschland finden. Es ist heute unsere zwingende Aufgabe, jungen Menschen Wissen über andere Religionen und Kulturen zu vermitteln. Wissen über die Grundrechte unserer Demokratie und ihrer Werte, Wissen über den europäischen Vereinigungsprozess und seine immense Bedeutung für den Frieden der letzten 62 Jahre. Doch wie sollen sie das alles verstehen und richtig einordnen, wenn sie nicht die eigene deutsche Geschichte kennen? Wenn sie nicht die christlichen und jüdischen Grundlagen kennen? Wenn sie nicht vom Schicksal der Menschen erfahren, die unter dem Terrorregime der Nazis leiden und sterben mussten?
Unser Ziel muss es sein, für alle Menschen Daseinsbedingungen zu schaffen, die allen ein Leben in Frieden und Freiheit ohne Hass, Terror und Willkür ermöglichen. Gedenktage alleine reichen sicher nicht aus, um junge Menschen für die Ideale der Demokratie und des vereinigten Europa zu begeistern. Aber sie haben ihre Berechtigung! Und wir können mit unserer gewählten Form der Erinnerung einen kleinen Teil hier in Detmold dazu beitragen, dieses Ziel zu erreichen. Wir müssen denen entgegentreten, die einen Schlußstrich ziehen wollen unter dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte. Seit nunmehr 10 Jahren wird die zentrale Gedenkfeier am 27. Januar in einer der weiterführenden Schulen unter Beteiligung von Schülerinnen und Schülern aller Jahrgangsstufen organisiert und veranstaltet. In einer gemeinsamen Arbeitsgemeinschaft, die sich aus den Schulen, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und weiteren Einrichtungen und Vereinen der Stadt Detmold zusammensetzt, wird neben der zentralen Gedenkveranstaltung rund um den 27. Januar eine ganze Veranstaltungsreihe realisiert, die sich auf vielfältige Weise mit dem Erinnern und Gedenken auseinandersetzt.
Wir haben hier in Detmold einen eigenen Weg gefunden, den Wunsch von Roman Herzog zu erfüllen. Ich werde diesen eingeschlagenen Weg mit Ihnen gemeinsam weitergehen.
Meine Damen und Herren,
am heutigen Nachmittag sind wir zu Gast in der August-Hermann-Francke - Gesamtschule. Das diesjährige Motto der Gedenkveranstaltung lautet „Bekennen – Versöhnen“. Dahinter verbirgt sich die Frage nach Schuld, Vergebung und Versöhnung. Antworten werden wir gleich vom Literaturkursus des Jahrgangs 12 sehen und hören. Ich möchte an dieser Stelle allen Schülerinnen und Schülern und den beteiligten Lehrerinnen und Lehren meinen herzlichen Dank aussprechen für ihr Engagement bei der Vorbereitung und Organisation des heutigen Gedenktages. Mein Dank gilt aber auch allen anderen Beteiligten, die sich an der Veranstaltungsreihe zum diesjährigen Gedenktag beteiligen.
Wir sind heute nicht die Generation, die die Schuld trägt, sondern wir sind die Generation, die die Verantwortung für ihre Geschichte übernimmt, sich zu ihr bekennt! Wir haben uns in Detmold entschieden, uns zu erinnern und gedenken heute der Opfer des Nationalsozialismus.
Primo Levy schrieb:
„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben!“
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!