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"Stuhl vor die Tür gestellt"
Die Ausstellung erinnert an ein trauriges Kapitel der Detmolder Geschichte. So wie überall in Deutschland fand auch In Detmold zwischen 1933 und 1945 die fortschreitende Diskriminierung, Entrechtung, Beraubung bis hin zur Ermordung von Menschen jüdischen Glaubens statt . Ein Teil dieser allmählichen, systematisch geplanten Auslöschung war die Vertreibung jüdischer Menschen aus ihren Wohnungen. Mit diesem Thema beschäftigt sich die Ausstellung.
Ab dem 30. April 1939 wurde allen noch in Detmold lebenden Jüdinnen und Juden endgültig der "Stuhl vor die Tür gestellt". Sie mussten ihre Wohnungen oder Häuser verlassen und wurden in sogenannten Judenhäuser eingewiesen, in denen sie drangvoll beengt leben mussten. In Detmold gab es sechs solcher Judenhäuser:
o Sachsenstraße 4 und 25
o Paulinenstraße 6 und 10 (nach alter Zählung, beide Häuser im Bereich des heutigen Sparkassenneubaus)
o Hornsche Strasse 33 (das Haus wurde abgerissen und durch ein früher In der Leopoldstraße stehendes Haus ersetzt)
o Gartenstraße 6
Doch nicht erst seit dem April 1939 heben Jüdinnen und Juden ihre Wohnungen verlassen müssen. Dem "Gedenkbuch" kann man entnehmen, dass schon seit Mitte der 30er Jahre jüdische Menschen immer wieder umziehen mussten. Die Gründe waren vielfältig und hingen zum Teil mit den sich immer mehr verbreitenden antisemitischen Vorurteilen zusammen: Man wollte nicht mehr zusammen mit Juden in einem Haus wohnen.Schlimmer war aber noch die sich rapide verschlechternde wirtschaftliche Situation. Sie hing zusammen mit dem systematischen Ausschluss von Juden aus dem Wirtschaftsleben durch die Kündigung von Arbeitsplätzen, durch den Entzug von Zulassungen bei Ärzten und Rechtsanwälten, durch die sog. Arisierung von Betrieben und die Sperrung von Vermögen. Am Beispiel der Familie Gustav und Emmy Examus (Gedenkbuch S. 55), Inhaber eines angesehenen Getreidehandels in Detmold, lassen sich die erzwungenen Umzüge in Detmold anschaulich verdeutlichen:
o Bis 1.4. 1936 Wohnung Bahnhofstrasse 4 (ehemalige Sinalco - Villa )
o Ab 1.4. 1936 Wohnung Woldemarstraße 10 bei Familie Neuhaus
o Ab 2.1. 1939 Wohnung Paulinenstraße 23 bei Sophie Salomon, einer Verwandten der Familie, die des Haus im Februar 1939 verkaufen musste.
o Ab 19. 1o. 1939 ist das Ehepaar in der Paulinenstr8888 10 bei dem jüdischen Rechtsanwalt Dr. Hirschfeld gemeldet, dessen Haus als "Judenhaus" diente.
o Am 30.3.1942 heißt es in den Meldeakten von David und Emmy Examus: "nach unbekannt verzogen". In Wahrheit wurden sie in das Warschauer Ghetto deportiert und von dort in des Vernichtungslager Treblinka. Vor dem Amtsgericht Detmold wurden sie 1950 beide für tot erklärt.
o Ab dem 5.8.1943 gehörte das Haus Paulinenstraße 10 dem "Deutschen Reich".
Das Haus Gartenstraße hatte als "Judenhaus" viele Funktionen. Es war im Besitz der Familie Leffmann und wurde bis 1937 von Seime Leffmann und ihrem Sohn Kurt bewohnt. Nach dem Tod Ihrer Mutter kehrte sie mit Kurt zu dem in Nieheim nun allein lebenden Vater zurück. Am 11.7. 1942 wurde sie nach Warschau (oder Auschwitz) deportiert.
Ein weiteres Opfer der vielen Bewohner dieses Hauses war die Mieterin Regina Bonum, die seit 1914 in Detmold lebte. Sie gehörte zu den als "staatenlos" erklärten Juden, die am 28.10. 1938 nach Polen ausgewiesen wurden. Ihr letztes Lebenszeichen ist ein Rot Kreuz - Brief vom 21.10. 1941 aus dem Arbeitslager Rzezow in Polen. Nach dem Novemberpogrom 1938, bei dem die Synagoge in der Lortzingstraße in Brand gesteckt wurde, fand der dort wohnende Buchbinder und Synagogendiener Louis Flatow mit seiner Familie eine Unterkunft in der Gartenstraße, als er nach seiner Verschleppung nach Buchenwald nach Detmold zurückkehrte.
Mit einem Erlass vom 18.11.1938 wurden alle jüdischen Schulkinder aus den öffentlichen Schulen verwiesen. Daraufhin richtete die Jüdische Gemeinde in der Gartenstraße 6 eine private jüdische Volksschule ein. Von den 22 Kindern, die diese Schule besuchten, haben sieben überlebt. Auch ihre Lehrer Louis Flatow, Max Alexander und Hedwig Block wurden verschleppt und ermordet. Im Sommer 1942 musste die Schule geschlossen werden. Bis 1944 dient. das Haus auch als jüdisches Altersheim. Am 15.5.1944 wurden die beiden letzten Bewohnerinnen des Altersheims Bernhardine Michaelis Jena, 74 Jahre alt, und Laura Sander, 69 Jahre alt, nach Auschwitz deportiert. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ein Raum des Hauses, der zugleich als Schulklasse genutzt wurde, auch eis Gottesdienst und Betraum gedient. Eine weitere traurige Funktion hatte dieses Heus als Sammelstelle für Deportationen, die von Detmold aus über Bielefeld in die verschiedenen Lager gingen. Insgesamt sind die Namen von 37 Menschen bekannt, die in diesem Haus unter elenden Bedingungen gewohnt haben, deportiert wurden und gewaltsam ihres Lebens beraubt wurden.
In der Ausstellung finden Sie auf einem Detmolder Stadtplan die Häuser markiert, in denen jüdische Menschen für kürzere oder längere Zelt gelebt haben. Die Fotografien zeigen zwölf exemplarisch ausgewählte Gebäude, die jüdischen Menschen gehörten oder in denen sie gelebt haben und die sie unter Zwang verlassen mussten. Die beiden gezeichneten Hausfassaden erinnern an zwei der sechs "Judenhäuser“ Detmolds. Bei der Erarbeitung der Ausstellung waren wir einerseits erfreut über die Unterstützung, die wir von den heutigen Hausbesitzer bekommen haben. Zugleich wurde uns aber auch deutlich, dass damals geschehenes Unrecht bis heute tabuisiert ist, so dass ein Tell der jetzigen Eigentümer nicht bereit war, ihre Hauser für die Ausstellung fotografieren zu lassen. Wir wünschen uns, dass diese Ausstellung mit dazu beiträgt, den Nachkommen der damaligen Opfer und Täter zu ermöglichen, offen und gerecht mit diesem Kapitel unserer Geschichte umzugehen.
Ohne die sorgfältigen Recherchen von Gudrun Mitschke-Buchholz, die im Auftrag der "Gesellschaft für Christlich Jüdische Zusammenarbeit in Lippe das Gedenkbuch für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Detmold im Jahr 2001 herausgegeben hat, wäre diese Ausstellung nicht möglich gewesen. Sie ist erarbeitet worden von einem Arbeitskreis der Detmolder evangelisch - reformierten Kirchengemeinden, von dem Fotografen des Detmolder Staatsarchivs Matthias Schultes und dem Frauenkreativkreis der Versöhnungskirche. Durch die Stadt Detmold haben wir kräftige Unterstützung erhalten. Der Detmolder Stadtarchivar Dr. Andreas Ruppert hat uns beratend begleitet.
Detmold, den 9. November 2006
Gertrud Wagner
(Arbeitskreis der evangelisch-reformierten Gemeinden Detmold - Ost und Detmold - West)



